>  Anhang >  Folklore >  Guten Tag, ich bin der Verkehrsplaner

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7.1.3 Guten Tag, ich bin der Verkehrsplaner

Also ich fahr' ja auch Rad, ziemlich oft sogar. Speziell an der Kinzig
entlang ist es schön flach. Aber wenn ich irgendwohin will, nehm' ich
normalerweise schon das Auto. Wozu hab' ich den teuren Diesel denn, und
der verbraucht ja auch so wenig und hat Rußfilter. Naja, jedenfalls:
Seit vielen Jahren gucke ich mir die Radfahrer genau an bei uns in der
Stadt, und auch sonst. Die tun wirklich alles, um nicht auf der Straße
fahren zu müssen. Ist ja auch logisch, weil zu gefährlich. Wenn man
ihnen keine Radwege gibt, dann fahren sie halt einfach auf dem Gehweg!
Irgendwie hab' ich dafür sogar Verständnis, aber das geht doch nicht.

Deswegen fordern ja auch alle -- ich meine wirklich alle: ADFC, ADAC,
Verbände, Schulen, Eltern, Autofahrer, und vor allem die Radfahrer
selbst -- also /wirklich/ alle! -- immer mehr Radwege.

Teilweise ist das gar nicht so leicht zu machen. Manche Bürgersteige
sind ziemlich schmal, da muß man ganz schön überlegen, wie man da einen
Radweg ausschildert. Aber die Radler kommen da irgendwie schon durch.
Ein echter Radfahrer kennt keinen Schmerz! (Man muß auch mal einen
Spaß machen dürfen.)

Na jedenfalls, vor ein paar Tagen war da so ein Typ. Er sah' ja schon
irgendwie so komisch aus; naja, vielleicht nicht komisch, aber irgendwie
anders... auf jedenfall waren seine Ansichten komisch. Der behauptete
doch tatsächlich, Radwege wären gefährlich! -- Ja, doch, ich sag's
nochmal: Es wäre für die Radler (der sagte immer so hochtrabend:
,,Radverkehr'') gefährlicher, auf Radwegen zu fahren und er wollte
lieber auf ,,der Fahrbahn'' (damit meinte er die Straße) fahren. Das sei
sehr viel weniger gefährlich (und auch schneller und was weiß ich noch
alles). Dann kam er mir noch mit irgendeinem Unsinn von einer
norwegischen oder, ich weiß nicht mehr, vielleicht auch dänischen
Universität, oder vielleicht war's irgendwo im Balkan oder wo, ist ja
egal; jedenfalls, die hätten herausgefunden, daß radwegfahren
gefährlicher wäre als ,,fahrbahnfahren''. Außerdem würde das die
Hamburger Polizei auch sagen und lauter so'n Zeug.

Er redete wie ein Wasserfall. Man muß sich mal vorstellen, was ich mir
manchmal für einen Quatsch anhören muß. Selbst wenn wir mal annehmen,
daß er recht /hätte/ -- ja, jeder, wirklich /jeder/ weiß, daß das
Nonsense ist; ich sag' ja: _nur_mal_angenommen_ -- also, wenn wir mal
annehmen, er hätte recht und wir würden hier und da die Benutzungs-
pflicht aufheben, was würde passieren? -- Genau, nix. Die Radler fahren
ja doch weiter auf dem Radweg, und wenn keiner da ist, auf dem Gehweg.
Und das weiß doch dieser Armleuchter genau. Dem geht bloß einer ab, wenn
er auf der Straße fahren darf. Da kann er dann mitten auf der Gasse
fahren und den ganzen Verkehr aufhalten, da fühlt er sich wahrscheinlich
wie Graf Pipi.

Tja, und wenn wir "die Radwege ganz abschaffen, um den Radverkehr zu
fördern'', wie das dieser Heini wollte, was wäre dann? Sagen wir aus
Spaß mal, er hätte recht und es würden vielleicht statt jetzt hundert
bald zweihundert oder dreihundert Chaoten mit ihren Drahteseln auf der
Straße herumgurken. Der Verkehr kommt stellenweise zum erliegen, das
ist klar. Aber selbst wenn, ich sage: /wenn/ das radfahren ohne Radwege
vielleicht irgendwie wirklich sicherer wäre, dann hätten wir doch durch
die dreifach höhere Zahl an Radlern trotzdem mehr Fahrradunfälle. Ich
schaffe also die Radwege ab und werde dann von der Presse, von den
Eltern und vor allem von meinem Chef zerhackt, denn wenn dreimal soviele
Radler unterwegs sind, dann verunglücken auch dreimal soviele (oder von
mir aus zweieinhalbmal so viele wenn der Typ recht hätte; egal, ich
werde so oder so kastriert)

Und das alles bloß, weil so ein Asozialer meint, die Autofahrer
aufhalten zu müssen! Weil er uns mit seiner dämlichen Radfahrerei
zeigen will, was er für ein toller Umwelt-Hecht ist! "Förderung
des Radverkehrs'' -- indem er uns vor der Kühlerhaube herumturnt und
dann doch bald plattgefahren wird? Nee, ohne mich. Ich bleib' auf der
sicheren Seite. Da könnt' ja jeder kommen.

Wie gesagt, unglaublich, was ich mir manchmal für einen Quatsch anhören
muß.


Gruß

Berthold Maier-Wegmit

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Dankwart Lerntehnixmehr wrote:

> … und diese Radfahrerin, die neulich an der Einmündung vom Lastwagen
> totgefahren wurde, hat doch selber Schuld!

Das bezweifelt ja auch niemand. Übrigens, schön, von Ihnen zu hören,
verehrter Kollege. Eine Fachsimpelei unter Experten (durch und durch,
nicht wahr?) ist doch immer erfreulich.

> Schon der vierte Todesfall
> an dieser Stelle in diesem Jahr. Gerade an dieser unübersichtlichen
> Ecke kann die doch keiner sehen! Wann lernen diese dummen Radfahrer
> endlich mal an Einmündungen gefälligst abzusteigen und zu schieben,
> dann kann auch nix passieren.

Ja, die Leute müßten alle zur Verkehrserziehung und dann zur CPU.

> Der Lastwagen musste extra auf die
> Polizei warten und Aldi hat seine Joghurtpaletten nicht gekriegt, so
> geht die Wirtschaft den Bach runter. Der arme Lastwagenfahrer hat
> jetzt einen Schock und kann seinen Beruf nicht mehr ausüben - wieder
> ein Arbeitsloser mehr!

Allerdings fällt dafür eine Rentenempfängerin weg.

> Dafür sollen die Erben dieser
> unverantwortlichen 87jährigen Radrüpelin mal ordentlich löhnen. Was
> hat die überhaupt noch im Verkehr zu suchen?

Genau. Verkehr ist nichts mehr für so alte Leute.

> Außerdem trug die Omma
> keinen Helm.

Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, aber ich glaube, der ist auch nicht
vorgeschrieben. Da werde ich doch bei Gelegenheit mal in der StVZO
nachschlagen.

> Mit solchen Rüpeleien muss jetzt Schluss sein! Darum
> haben wir beim letzten Verkehrsplanerstammtisch beschlossen, dass wir
> jetzt auf allen Radwegen an jeder Einmündung ein großes Z.205 - nein,
> besser Z.206

Ein großer Teil dieser Kamikaze-Radler fährt mit völlig abgefahrenen
Reifen herum. Der Handel bietet unverantwortlicherweise sogar absolut
profillose Reifen an, obwohl man damit doch gar nicht auf die Straße
darf. Ihr Vorhaben ist also sehr berechtigt, dort Zeichen 205
(Aquaplaning) aufzustellen. Aber warum Zeichen 206, Hinweistafel auf
Kriegsgräberstätten? Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

> - aufstellen lassen, mit Zusatzzeichen "Radfahrer
> absteigen", Drängelgitter davor

Naja, da besteht aber die Gefahr, daß auch Kinder mit den Füßen in die
Schienen im Boden treten.

> und fertich, dann passiert so was auch
> nicht wieder und diese neunmalklugen Unfallstatistiker

Unfallstatitisken für Radwege? Was erfassen die denn? Opa Brösel hat
beim absteigen Nachbars Waldi auf die Vorderpfote getreten?
Entschuldigung, kleiner Scherz. -- Ich bin seit achtunddreißig Jahren,
fünf Monaten und zwanzig Tagen Verkehrsplaner und habe noch nie von
einem ernstzunehmenden Unfall auf einem Radweg gehört.

> können nicht
> mehr behaupten, das Radwege gefährlich sind. Von denen lassen wir uns
> unsere seit 70 Jahren bewährten Planungsgrundsätze jedenfalls nicht
> über den Haufen schmeißen!

Naja, lieber Kollege, man sollte aber schon auch für Veränderungen offen
sein, wenn diese echte Vorteile bringen. Neben dem von mir schon oft mit
Vehemenz geforderten (besteuerten) Nummernschild für Radfahrer halte ich
es für sinnvoll, wenn diese auch am Tage immer mit Licht fahren müßten,
Motorradfahrer tun dies ja auch und für die Polizei ist sofort
erkennbar, ob der Radler mit funktionsfähiger Beleuchtung unterwegs ist.

Übrigens stelle ich mir gerade vor, wie es wäre, wenn Radfahrer unsere
Diskussion hier mitlesen könnten. Möglicherweise würden sie uns gar
nicht mal in allen Punkten beipflichten, weil sie unsere Expertensicht
einfach nicht nachvollziehen können. Aber so ist nunmal die Einsamkeit,
die eine viel, viel höhere Erkenntnisebene mitbringt.

Gruß

B. Maier-Wegmit
Ein leider wohl notwendiger Hinweis: dies ist eine Satire. Gegendarstellungen von real existierenden Verkehrsplanern werden in der Newsgroup de.rec.fahrrad gerne entgegengenommen.

http://0x1a.de/rec/fahrrad/faq/anhang/folklore/der_verkehrsplaner/index.html
Roland White Email: Super_Express@web.de
1.0 2003-11-09


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